Ach, Du neue, einfache Welt!
Früher war noch alles so schwer. Ein Technik-Genie musste man sein, um den komplizierten Videorekorder programmieren zu können.
Wie schließe ich den Videorekorder überhaupt an den Fernseher an? So viele Kabel und Stecker.
Dann die digitale Revolution. Der Computer. Noch mehr Kabel und Stecker. Haufenweise Menübefehle. Und mit einem Kasten, der den Namen eines Nagetiers trägt, einen Pfeil auf dem Bildschirm steuern. Nicht Jedermanns Sache.
Kommt man überhaupt damit zurecht, stürzen einen seltsame Fehlermeldungen, die sich entweder mit "Fehler -55" recht knapp oder mit langen englischen Sätzen nicht aussagekräftiger geben, in tiefste Verzweiflungen.
Doch endlich kann man auf dies alles verzichten: Dank Touch-Tablets muss man sich mit der Maus nicht mehr rumschlagen, dank WLAN und Bluetooth entfallen die bunten Kabel und zahlreichen Stecker; Fehlermeldungen sind noch dazu selten geworden.
Entweder, es funktioniert, oder es funktioniert nicht.
Mein Problem damit: Der durchschnittliche User wird sich wahrscheinlich recht schnell damit abfinden, dass etwas nicht funktioniert. Die nächste bunte "Äpp" ist schnell für nen Euro Fuffzig geladen, vielleicht funktioniert's mit ihr besser, wenn nicht, dann ist sie wenigstens schön bunt.
Ebenfalls passé: Die Maus. Man tippt jetzt mit dem Finger. Dafür müssen Bedienelemente auf dem Bildschirm größer werden, damit man sie mit dem Finger auch treffen kann. Dieser Hunger an Platz wird nicht selten damit kompensiert, dass auf eine nicht geringe Anzahl an Funktionen verzichtet wird, die man an einem Computer mit Maus-Bedienung noch gut unter gebracht hätte; oder die zusätzlichen Funktionen sind schlichtweg durch einen einfachen (?) Fingerwisch von links oben zur Bildschirmmitte (nicht zu verwechseln mit dem Fingerwisch von links oben zum unteren Bildschirmrand oder zum rechten Bildschirmrand – die haben eine andere Funktion!) oder einem Tippen mit drei bis vier Fingern aufzurufen.
Wo ich bisher bei der Frage nach einem Handbuch noch die Augsbraue hochzog und meinte "Diesen 500seitigen Schinken kannst fortwerfen, das erklärt sich doch alles von selbst! Die Icons sprechen doch für sich!" hätte ich eben jenes heutzutage doch manchmal gerne zur Hand. Allerdings wurden Handbücher wohl irgendwann im Laufe der letzten Jahrzehnte abgeschafft (muss ein schleichender Tod gewesen sein – hatte nichts davon mitbekommen).
Wie findet man heutzutage alle Funktionen heraus? Ich bin noch nicht hinter die allgemeingültige Lösung gekommen.
Innerhalb von einer Minute im Index unter "L" wie Löschen nachgeschlagen und "Aha!" rufen ist inzwischen durch ein halbstündiges Googlen, rumprobieren (nach links schieben, nach rechts schieben, doppelt antippen, lange antippen, Einstellungen durchsuchen, fluchen, nochmals nach links und rechts schieben) und Resignation gewichen.
Ebenso die Sache mit den Fehlermeldungen. Erst letztens wollte ich bei Verwandten meine Urlaubsbilder zeigen.
Prozess vor einiger Zeit: Laptop mitbringen, entweder das DVI-, VGA- oder HDMI-Kabel aus dem Repertoire hervorzaubern, notfalls noch den Scart-Adapter dazwischenstecken, was die Audienz zum Staunen bringt (dabei für jeden, der mal einen Lego-Baukasten hatte, ein Kinderspiel), Anstöpseln und los geht's.
Nun wollte ich mich nicht gegen Neues sperren und dachte: Nimmst das Tablet mit; die haben einen neuen Fernseher, der sich "SmartTV" schimpft.
Wahrscheinlich zu smart für mich! Bis die Urlaubsbilder erstmal auf dem Tablet waren, hatte es zwei Zusatzprogramme...äh...äpps benötigt. Mal so schnell ein paar Dateien irgendwo im Dateisystem ablegen is' nicht mehr, denn von Ordnern und Dateien hatten die Benutzer ja noch nie eine Ahnung, also schaffen wir das ab!
Am "SmartTV" angelangt (hierfür gibt es ja auch keine Anleitung mehr, wenn man mal von dem Pamphlet absieht, in dem erklärt wird, wo man den Antennenstecker reinstecken muss) hatte ich nach drei Anläufen wohl das richtige Menü gefunden, mit dem der Fernseher Daten via Netzwerk entgegennehmen könnte (denkste: Eigentlich hätte ich dort garnichts auswählen müssen. Nur einschalten. Irgendwie smart...), doch sie vom Tablet wegzusenden war eine andere Sache.
Das richtige Programm...ne...Äpp...hatte ich wohl vor mir, durfte ich den Rezessionen im Store trauen, aber wieso taucht der Fernseher nicht in der Geräte-Auswahl auf?
Anderes Programm runtergeladen...selbes Spiel.
Ah, da ist der Fernseher zur Auswahl...
...und schon wieder weg.
Geht's jetzt wieder mit dem vorherigen Programm?
Jetzt behauptet der "SmartTV", dass ich das Netzwerkkabel gezogen hätte. Der Lügt!
Noch ein Versuch mit der ersten App! Ha – funktioniert. Mit einem Bild. Wieso nicht mit dem anderen?
Ich übertreibe nicht...irgendwann hatte die Sache dann auf mal funktioniert (wobei ich bei der Bildwechsel-Geschwindigkeit keinen Dia-Vortrag mit 1000 Bildern halten wollte), nur eines macht mich stutzig: Ich weiß nicht, wieso. Es funktionierte dann einfach. Einstellungs-Möglichkeiten gab es sowieso nicht.
Nur ein kleines Beispiel der modernen Smartphones und Tablets.
Wenn's funktioniert, ist's schön – meist reicht die Installation, notfalls noch die Anmeldung bei irgend einem Online-Dienst und schon funktioniert es sehr wahrscheinlich.
Funktioniert es mal nicht mehr, sitzt man im Dunkeln, wieso dem so ist...oder wieso es früher überhaupt funktioniert hatte.
Den Nutzer nicht mit seltsamen Einstellungsmöglichkeiten zu konfrontieren mag vielleicht schick sein (ich habe es inzwischen aufgegeben, jemandem zu erklären, was der Unterschied zwischen dem SMTP- und POP3-Server ist und wieso man die überhaupt kennen sollte. Da gibt's spätestens Stirnrunzeln, wenn dann noch IMAP zur Rede kommt), aber wenn man weiß, was da im Hintergrund abläuft und bei Misserfolg eine Fehlermeldung bekommt ("Host smtp.gogle.com not found"), kann man sein Problem vielleicht auch lösen.
Richtet sich das Mailprogramm allerdings von selbst ein, weiß aber nicht, dass der Provider zwischenzeitlich die Adresse seines Mailservers geändert hat, habe ich ein Problem ohne es zu wissen. Naja, es funktioniert halt nicht. Nehme ich ein anderes Mailprogramm.
Ich hoffe, dass sich dieser Trend nicht noch viel weiter bis in die Computerwelt fortsetzen wird, sonst sitze ich dann mal irgendwann vor dem Bildschirm, wie meine Oma heute.
Was muss ich machen? Mit zwei Fingern von links nach rechts auf dem Bildschirm und den zweiten Finger währenddessen nach unten schwenken? Ach und mit dem linken Auge zwinkern auch noch? Alles nur, um eine E-Mail zu löschen? Ach, dieses neue Zeug...
Eins oder Null.
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| Erstellt am: 30.12.2013 unter den Kategorien Offtopic . | Kommentieren |









