Das Auto wurde dieses Jahr so häufig verflucht, wie noch nie in diesem Land. Weg mit den Autos, die Leute sollen mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Das Thema "Elektroroller" lassen wir mal beiseite – die zwei Kilometer, die man mit diesen Dingern überbrücken kann, kann man ruhig auch zu Fuß zurücklegen.

Nun ja, es flucht sich recht einfach, wenn man in Berlin Mitte wohnt. Wer wie ich im Schwarzwald lebt, weiß aus Erfahrung: Egal, wo man hin will – es geht immer irgendwo den Berg rauf und so manche Strecke wird nur 1-2 Mal am Tag vom Bus abgeklappert. Leider ist der Schwarzwald noch von keinem U-Bahn-System untertunnelt.

Trotzdem ärgere ich mich schon lange über diese ganzen - Entschuldigung für das, was gleich kommt - faulen Säcke, die ihren Arsch keine hundert Meter ohne Dieselmotor fortbewegen können.
Die Diskussion sollte nicht sein, ob man mit Autos in Städte fahren darf oder ob jene durch einen Diesel-, Benzin- oder Elektromotor angetrieben sein sollen. Die Diskussion sollte sein, ob man wirklich wegen jedem Scheiß das Auto nehmen muss/darf und sich nachher am Abend sein gutes Gewissen "Ich lebe doch gesund" dadurch holt, indem man zwei Vitaminpillen einwirft und ins Fitness-Studio geht (mit dem Auto natürlich).

Es ist unglaublich, wie bequem faul einige Mitmenschen geworden sind, wenn man mal genauer die Augen auf macht.
Da wären zum einen die Kollegen am Arbeitsplatz, die entweder jeden Tag oder mit einer bestimmten Regelmäßigkeit mit ihrem Auto zum Mittagstisch fahren. Jener befindet sich 500 Meter vom Arbeitsplatz entfernt. Es ist erschreckend, wie viele bekannte Autos ich an mir vorbeifahren sehe, wenn ich ab und an mal dort hin unterwegs bin...zu Fuß versteht sich!

Wenn man dann noch mitbekommt, dass einige Kollegen sogar im selben Ort wohnen (einer sogar in derselben Straße!), stellt sich bei mir die Frage, wieso deren Auto überhaupt auf dem Firmenparkplatz und nicht in der heimischen Garage steht.

Eine andere Beobachtung machte ich bei jemandem, der 400 Meter (!) entfernt von seinem Arbeitsplatz wohnt. Das wäre für mich (12km und zwei Berge dazwischen) himmlisch.
Ihr werdet es euch vielleicht denken: Diese 400 Meter werden tagtäglich mit dem A-U-T-O zurückgelegt. Damit man auf dieser Strecke, die auf vier Rädern wahrscheinlich keine Minute dauert, nicht fröstelt und der Motor auch ein bisschen was zu tun hat, wird eben jener gerne mal ein paar Minuten vor der geplanten Abfahrt angeschmissen.

Von allen anderen, die samstags ihre Brötchen beim weniger als 1km entfernten Bäcker mit dem Auto holen, will ich gar nicht reden.
Und sowieso rede ich hier von gesunden Personen ohne körperliche Einschränkung.

Manch einer schreit "Macht das Benzin teurer!"
Mal ehrlich: Wie teuer muss man das Benzin denn machen, damit eben jene, die keine 500 Meter zu Fuß zurücklegen wollen, sich sagen "Oh, da muss ich mir aber nun wirklich überlegen, ob ich die paar Meter nicht lieber laufe."?
Meiner Meinung nach kann man das gar nicht. Nicht einmal, wenn der Liter 10 Euro kosten würde, würde so jemand auf seine Fahrt verzichten, die hoch gerechnet 0,05 Liter verbraucht.
Leidtragende wären dann eher jene Personen, die für ihre täglichen Distanzen wirklich auf das Auto angewiesen sind. Geh-behinderte, Leute mit langem Arbeitsweg, der nicht so einfach mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen ist (und das gibt es in unserer Region zu Genüge).
Täglich 40km bei 10 Euro je Liter Benzin? Immerhin etwa 650 Euro Benzinkosten im Monat. Da meldet sich der eine oder andere wahrscheinlich lieber arbeitslos.

Klar: die Spanne, was Bequemlichkeit und was wirklich unbedingt notwendig ist, ist groß.
Nehmen wir mal meinen Arbeitsweg: 12km über zwei Berge. Mit dem Auto in 15 Minuten zu bewältigen (von Haustüre zu Haustüre), mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in etwa einer Stunde. Und dabei habe ich sogar das Glück, dass der Bus mehr als zwei Mal am Tag fährt.
Vor noch nicht mal 100 Jahren war es keine beklagenswerte Sache, die 10-20 km für den Einkauf oder Arbeitsplatz zu Fuß zurückzulegen. Es gab einfach keine Alternativen. Heutzutage hat man halt das Auto. Lieber täglich 2 Stunden im Bus oder eine halbe im Auto? Muss ein armer gestresster Mensch die 2km wirklich laufen? Wir haben doch alle keine Zeit für soetwas!

Bei mir war dieses Jahr das Fass aber irgendwie voll. Wenn schon alle anderen mit unter-2km-Arbeitsweg es nicht schaffen/wollen, ihr Verhalten zu überdenken, dann muss ich selbst halt ran und deren Autofahrten etwas kompensieren.
Leider handelt es sich bei mir nicht um einen Arbeitsweg von weniger als 2 Kilometern im flachen Terrain, sondern um die bereits erwähnten 12 Kilometer mit zwei Bergen dazwischen. Immerhin gilt es, nur 210 Höhenmeter zu überwinden.
Für den Bus bin ich mir dann doch zu bequem: Mindestens 4 Mal so lang unterwegs, wie mit dem Auto, unflexible Fahrzeiten. Die Monatskarte kostet über Daumen gepeilt mehr, als mein Benzinverbrauch. Ihr wollt die Leute dazu bringen, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen? So nicht!
Mein Fahrrad hatte ich vor 20-25 Jahren verkauft – ich bin nie gerne Fahrrad gefahren. Eine große Rolle spielte dabei wahrscheinlich auch, dass es hier bei uns immer irgendwie den Berg rauf geht. Trotzdem wollte ich es dank neuer technischer Errungenschaften (eBike) mal wieder versuchen.

Es ist natürlich eine riskante Sache, einfach so mal zu probieren, ob man den Arbeitsweg auch mit dem Fahrrad schafft, wenn man sich eben jenes ersteinmal für einen höheren vierstelligen Betrag anschaffen muss. Meine Bedenken waren: Wenn mich das nach 2 Tagen schon ankäst, war die teure Anschaffung für'n Arsch.

Diese Bedenken wurden zum Glück nicht erfüllt. Nein, es macht sogar Spaß und "kostet" mich weniger Zeit, als ich erst gedacht hatte. Ich ging von 45 Minuten (statt 15 mit dem Auto) aus, benötige aber tatsächlich für die Strecke 25-30 Minuten. Also knapp doppelt so viel, wie mit dem Auto, dafür körperliche Betätigung, etwas Zeit im Wald und an der frischen Luft.
So gesehen "kostet" mich die Fahrt mit dem Fahrrad überhaupt keine Zeit, während mich die Autofahrt 15 Minuten meiner Zeit kostet.

Im Sommer hatte mich so mancher mitleiding angesehen. "Du fährst nun bei der Hitze mit dem Fahrrad Heim?".
Ich konnte da nur lachen. Während eben jene in ihre aufgeheizte Büchse stiegen, war ich gleich mal im kühlen Wald.

Von Auto auf Fahrrad umsatteln hat sich in meinem Fall also gelohnt. Und das trotz einer nicht gerade geringen Distanz plus Höhenunterschiede.

Ich will mich allerdings nicht selbst beweihräuchern. Andere legen diese und ähnliche Strecken schon ihr ganzes Leben lang mit dem Fahrrad zurück. Noch dazu bei jeder Wetterlage, was ich wahrscheinlich nicht durchhalten werde. Die Regentage (lassen sich im letzten halben Jahr zum Glück an einer Hand abzählen) haben mich dann doch ins Auto getrieben und das wird beim herannahenden Winter wahrscheinlich auch nicht anders sein.
Immerhin: Ich habe meine Komfortzone etwas nach außen verlegt. Dies ist ein erster Schritt und einiges mehr, als so manch einer versucht.

Man kann die Welt nicht retten, indem man von heute auf morgen alles "richtig" machen will. Ich kann mir vornehmen, komplett auf Fleisch zu verzichten (wobei ich es weniger verwerflich finde, mir an der Theke ein Steak vom Rind zu bestellen, welches bei mir Daheim ums Eck auf der Weide stand, als mir im Supermarkt eine Avocado zu kaufen), das Auto zu verkaufen, nie mehr zu fliegen und nen 5-6stelligen Betrag in das 80 Jahre alte Haus zu investieren, so dass es mehr oder weniger CO2-neutral wird.
Aber dann würde in absehbarer Zeit aus alldem nichts werden.
Ab und an ein Steak auf dem Grill ist einfach zu lecker, ab und an kommt man um das Auto nicht drumherum und für die 16 Jahre alte Karre bekomme ich sowieso nix mehr. Sollte man wirklich komplett auf's Fliegen verzichten oder wie wichtig sind Allgemeinbildung und das Kennenlernen fremder Kulturien, wenn man all paar Jahre mal auf nen anderen Kontinent fliegt (um sich dort dann aber nicht nur an den Strand zu legen!)?

Mein Tipp ist eher, sein Handeln leicht zu überdenken. Manche greifen schnell zum Autoschlüssel, ohne zu überlegen, ob man die Strecke vielleicht nicht doch zu Fuß schafft. Oder ob man überhaupt aus dem Haus gehen muss (muss ich wirklich jeden Samstag zum Recyclinghof fahren? Muss ich wirklich jeden Samstag einen Großeinkauf machen, von welchem ich das eine oder andere dann die Woche darauf sowieso wieder wegschmeiße, da nicht verwendet?)

Leider stellen sich diese Frage nur wenige und werden sie sich auch nie stellen.
Ich dachte, ich könnte ein paar Menschen zum Umdenken bringen, wenn ich hier und da erwähne, dass ich ja jetzt mit dem Fahrrad zur Arbeit komme. Und ja, ich wohne in jenem Ort. Genau, da ist man ein paar Minuten länger unterwegs, aber es macht Spaß. Nein, eigentlich brauchst Du ja nicht mal nen Elektromotor, da Du ja hier in der Stadt wohnst. Ja, ich laufe in der Mittagspause immer 4km aus Spaß an der Freude, klar würdest Du die 500m zum Mittagstisch recht schnell zurückgelegt haben.
Hat leider zumindest in diesem Jahr noch nichts gebracht. Ich glaube, dass die meisten Leute sich einfach keine Gedaken über ihr Handeln machen. Ob es so, wie man es macht, wirklich sinnvoll ist oder ob man es auf andere Art vielleicht besser (sowohl für die eigene Gesundheit wie auch für die Natur) machen könnte. Ist doch egal, dass ich die 400 Meter mit dem Auto fahre. Das will ich mir einfach gönnen – ich arbeite dafür hart. Und dafür esse ich ja freitags kein Fleisch.

Am Ende bleibt es wohl nur dabei, dass ich das Verhalten der Anderen durch möglichst viele Fahrrad- statt Autofahrten kompensiere.